Niklas Nüssle: „Die bessere Pünktlichkeit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Gäubahn strukturell weiterhin an ihre Grenzen kommt“
Stuttgart/Hochrhein. Die internationale Bahnverbindung Stuttgart–Zürich ist 2026 pünktlicher unterwegs als in den vergangenen Jahren. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Zahlen der Landesregierung: Auf der Gäubahn bleibt die Betriebslage angespannt. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der Landtagsabgeordneten Niklas Nüssle und Peter Seimer hervor.
Seit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2025 erreichen nach Angaben von DB und SBB mehr als 80 Prozent der Züge Zürich mit weniger als drei Minuten Verspätung. Ein wesentlicher Grund dafür ist allerdings die seit Dezember praktizierte Brechung der internationalen IC-Verbindungen in Singen. Die SBB hatte diese Maßnahme eingeführt, um Verspätungen von der Gäubahn nicht in das Schweizer Bahnnetz zu übertragen.
Auf der Gäubahn selbst fällt die Bilanz deutlich nüchterner aus. Die IC-Züge erreichten ihre Ziele im bisherigen Jahresverlauf durchschnittlich nur zu rund 68 Prozent (in Richtung Singen) und zu rund 71 Prozent (in Richtung Stuttgart) pünktlich. Beim Regionalverkehr liegt die Pünktlichkeit des RE 14 mit rund 81 beziehungsweise 87 Prozent zwar höher, auch hier verschlechtert sie sich jedoch mit zunehmender Bautätigkeit im Jahresverlauf.
Niklas Nüssle, bahnpolitischer Sprecher der GRÜNEN Landtagsfraktion macht daher deutlich: „Pünktlicher nach Zürich ist eine gute Nachricht. Aber wir dürfen uns nichts vormachen: Wenn die bessere Pünktlichkeit vor allem dadurch entsteht, dass Züge in Singen gebrochen werden und Fahrgäste umsteigen müssen, ist das keine Lösung für die strukturellen Probleme der Gäubahn. Rund zwei Drittel der IC-Züge Richtung Singen sind pünktlich – von einem verlässlichen Fernverkehrsangebot kann damit weiterhin keine Rede sein.“
Hinzu kommen zahlreiche Baustellen und Sperrungen. Allein bis Ende August war die Gäubahn 16-mal, teils über längere Zeiträume hinweg ganz oder teilweise gesperrt. Bei fast allen Sperrungen kam es zu Zugausfällen und Schienenersatzverkehr.
„Baustellen sind notwendig, wenn wir die Gäubahn endlich leistungsfähiger machen wollen. Aber für die Fahrgäste bedeutet das heute ganz konkret: Ausfälle, Ersatzbusse, längere Reisezeiten und zusätzliche Umstiege. Deshalb müssen wir beides zusammenbringen: die notwendige Modernisierung der Infrastruktur und ein möglichst verlässliches Angebot während der Bauphase“ so Nüssle.
Ein substantieller Infrastrukturausbau hin zu einer zweigleisigen Strecke ist laut der Landesregierung auf der Strecke weiterhin nicht vorgesehen. Auch auf besonders stark ausgelasteten Streckenabschnitten – beispielsweise zwischen Stuttgart und Herrenberg, wo Fern- und Regionalverkehr, S-Bahn und Güterverkehr gemeinsam unterwegs sind – setzt man zur Leistungssteigerung auf eine vollständige Digitalisierung der Leit- und Sicherungstechnik. Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026 sollen zudem zusätzliche Pufferzeiten eingebaut werden.
Niklas Nüssle hat hierzu eine klare Meinung: „Die Gäubahn ist eine zentrale Verbindung für Baden-Württemberg und den grenzüberschreitenden Verkehr in die Schweiz. Wir brauchen deshalb eine Infrastruktur, die nicht nur im Normalbetrieb funktioniert, sondern auch bei Verspätungen und Störungen robust ist. Dafür braucht es endlich einen dauerhaft gesicherten zweigleisigen Ausbau und eine verlässliche Finanzierung. Digitalisierung und betriebliche Maßnahmen können kurzfristig helfen, ersetzen aber keine leistungsfähige Infrastruktur.“
Eine positive Folge der Verzögerungen bei Stuttgart 21 ergibt sich für die Gäubahn bei der direkten Anbindung des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Nach aktuellen Planungen soll die Panoramabahn noch bis März 2032 weiterbetrieben werden. Damit bleibt die Gäubahn länger direkt an den Stuttgarter Kopfbahnhof angebunden.
„Diese Übergangszeit muss genutzt werden, um die Infrastruktur zügig auszubauen und die Folgen von Baustellen, Sperrungen und Umstiegen für die Fahrgäste so gering wie möglich zu halten. Die Menschen entlang der Gäubahn brauchen jetzt vor allem eines: eine klare Perspektive für eine leistungsfähige und verlässliche Bahnverbindung“ so Nüssle.